Erfahrungen in der Gruppe
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Einiges über die Pubertät und die
Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern
Pubertät,
die eigene ist lange her und noch heute ist
dieses Gefühl gegenwärtig: wie es ist, sich allein durch ein
freundliches „Guten Morgen“ so richtig angemacht zu fühlen.
Geblieben ist eine Faszination für dieses Lebensalter, für
die unglaubliche Energie, die Radikalität, die Sinnsuche. Nicht
von ungefähr war mein erster Job nach dem Studium Arbeit mit
Jugendlichen. Hier konnte ich nochmal aus einer anderen Perspektive,
aber selber noch sehr jung lustvoll dieses Lebensalter begleiten. Wie
wichtig das Erleben der Pubertät für die Entwicklung ist,
wusste ich aus meinem erziehungswissenschaftlichen Studium.
Abgrenzung, Neuorientierung und Autonomie sind die Überschriften
dieser Lebensphase. Und wie wir inzwischen auch wissen, ist das Gehirn
der Pubertierenden in dieser Zeit eine Großbaustelle. Sie sind
nicht nur so, zu einem Teil können sie auch nicht wirklich
anders….
Die Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern im VAMV
Berlin wurde ins Leben gerufen, als wir feststellten, dass es in den
Beratungen immer wieder um massive Probleme mit den älteren
Kindern ging und lange Jahre recht stabile Familien plötzlich in
eine völlig neue Dynamik einstiegen. Auch die Frage nach dem
anderen Elternteil stellte sich plötzlich mit ganz neuer
Aktualität. Gleichzeitig gibt es aber in dieser Lebensphase nicht
mehr die „Mütter/Väterzirkel, den engen Austausch mit
(Eineltern)Familien in ähnlichen Situationen.
In die Gruppe kommen Mütter, weil ihre Söhne plötzlich
nicht mehr zugänglich sind, nicht legalen Freizeitaktivitäten
nachgehen, aggressiv werden oder sich depressiv verkriechen.
Mädchenmütter kommen, weil sie tägliche
Auseinandersetzungen nicht ertragen, Schuleschwänzen,
übergriffiges Verhalten, Klauen erleben und sich u.U. aggressive
Fragen nach dem anderen Elternteil anhören müssen. Warum will
mein Vater nichts von mir wissen.?
Wer bis dahin noch keine Schuldgefühle hatte (und welche Eltern
können das von sich sagen) der wird sie spätestens jetzt
bekommen. Ein weiterer Baustein für die Riesenanstrengung, die
diese Zeit erfordert.
Wir beschäftigen uns mit Fragen: was mache ich mit meinem
Graffittisprüher, meinem Schulschwänzer, meiner
Drogengefährdeten, meinem magersüchtigen Kind, den
kriminellen Machenschaften meines Kindes, aber auch wie schaffe ich es,
zuzuschauen, wenn das Kind unglücklich ist, an seine Grenzen
kommt, sich abkapselt, von der Freundin verlassen wird.? Und was wird
mit mir/uns, wenn mein Kind jetzt eigene Wege geht, habe ich wirklich
alles getan.?
Bei all diesen Fragen gibt es nicht wirklich einen Unterschied zwischen
den verschiedenen Familienformen. Aber natürlich ganz andere
strukturelle Rahmenbedingungen und Ressourcen. Wenn nur ein Erwachsener
in der Familie lebt, dann ist auch nur ein Geschlecht vertreten, es
gibt weniger Schultern, auf die sich die unglaubliche Energie und
Aggressivität verteilen kann (Weniger Sparringspartner) und die
Abgrenzung mag schwerer fallen. In Patchworkfamilien gibt es genau das
Gegenteil, ein großes komplexes Feld mit vielen
Angriffsmöglichkeiten und manchmal viel Zerstörungspotential.
Und nicht zu vergessen, materielle Ansprüche spielen eine
große Rolle in dieser Zeit, parallel dazu, dass bei ausbleibendem
Unterhalt auch die Unterhaltsvorschußkasse nicht mehr einspringt.
Und für alle die sagen, oh nein so schlimm wird es bei uns nicht,
die mich in Tagesworkshops, bei Infoveranstaltungen oder auch bei
Eintritt in die Gruppe fragen, wie kann ich verhindern, dass es
Probleme gibt: oder wie komme ich ohne Auseinandersetzung durch die
Pubertät:, die schlechte Antwort lautet: das geht nicht, die gute
Antwort : es zahlt sich aus.
Wir kämen nie auf den Gedanken unsere Kinder nicht laufen lernen
zu lassen, nur weil sie sich dabei verletzen können. und wir
aufmerksam dabei sein müssen. In meiner Therapiepraxis habe ich es
immer wieder mit den nachhaltigen Folgen insbesondere bei Frauen zu
tun, die keine Pubertät hatten bzw. ihren Autonomiewunsch
zurückgestellt haben bzw. zurückstellen mußten.
Manchmal gibt es Gründe und Umstände dies zu tun, aber wann
immer es möglich ist, brauchen Jugendliche diese Zeit für die
Bearbeitung ihrer Großbaustellen, für die Ablösung von
den Eltern, für den Mut zum Konflikt und es ist schön, wenn
sie dabei unsere Unterstützung haben. Liebe und
Unterstützung, wie in allen Lebensphasen, aber auch deutliche,
sehr deutliche Grenzen, Sicherheit in der Verteidigung unserer
Lebensentwürfe und unserer Abgrenzung. Denn es geht nicht darum,
das Haus einstürzen zu lassen, Jugendliche rütteln ordentlich
an den Grundmauern und testen die Stabilität.
So ist die Gruppe für Alleinerziehende mit pubertierenden Kindern
neben der Auseinandersetzung mit der Situation der erwachsen werdenden
Kinder auch der Ort für die Fragen nach dem eigenen Leben und der
eigenen Perspektive. Und manchmal einfach nur der Ort sich in diesen
anstrengenden Zeiten nicht alleine zu fühlen und sich
Unterstützung bei anderen zu holen. Und wir freuen uns, wenn es
noch mehr Väter gibt, die dies Angebot für sich nutzen.
Veronica Klingemann, Dipl.-Päd., Gestalttherapeutin, Supervisorin,
DVG
Noch ein Buchtip: Barbara Strauch: „Warum sie so seltsam sind“,
Gehirnentwicklung bei Teenagern, Berliner Taschenbuch Verlag.
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