Hunger
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Wann hört der Hunger auf?
Zum Tod eines fünfjährigen Kindes in Schwerin
Was muß passieren, daß ein fünfjähriges Kind, ein Kind, das in der Regel sprechen, greifen und laufen kann,
verhungert.? Wenn schon die Eltern von Lea-Sophie das Kind nicht versorgen, was muß in diesen fünf Jahren
passiert sein, daß Lea-Sophie nicht lautstark „Hunger“ gebrüllt hat, ihre Eltern terrorisierte, den Kühlschrank
plünderte oder Tierfutter aß? Davon soll genug in der Wohnung gewesen sein
Wenn Kinder auf die Welt kommen, können sie ohne großes Üben ihren Hunger, den sie vermutlich eher als
heftiges unspezifisches Unwohlsein erleben, ausdrücken. Später gibt es Gesten, Worte, Handlungen, um diesem Bedürfnis
Ausdruck zu verleihen. Jeder der ein hungriges Baby erlebt hat, kennt die Unmittelbarkeit und die Dringlichkeit mit
der Säuglinge diese Bedürfnisse ihrer Umwelt mitteilen.
Lea-Sophie ist , bevor sie verhungerte, offensichtlich schon lange nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Bedürfnisse
auszudrücken. Sie hat diese Fähigkeit, mit der sie auf die Welt gekommen ist, im Laufe ihres kurzen Lebens
verloren.
Der Vermieter der elterlichen Wohnung hat Lea Sophie im Oktober 2006 gesehen. Da war sie ruhig, vielleicht etwas
dünn, saß auf dem Schoß ihrer Mutter und schmuste mit ihr.
Wann hat Lea Sophie aufgehört, sich verständlich zu machen?
Wann hat sie aufgehört zu merken, daß sie hungrig oder durstig ist, wann hat sie verlernt ihre elementarsten
Bedürfnisse zu spüren?
Was hat sie in diesen fünf Jahren erlebt, daß dieser Prozeß offensichtlich so still und unbemerkt ablief?
Daß Lea-Sophie verhungerte, ist sehr wahrscheinlich das Ende einer langen Geschichte, in der ein Kind in dieser
Welt nicht wachsen konnte, weder gefüttert noch gehegt und immer weniger wird. Kein akutes Versagen, sondern ein
Lebensumfeld, in dem Tiere besser leben konnten als Kinder.
Es gibt offensichtlich immer mehr solcher Familien und bevor sich jetzt alle auf das Jugendamt stürzen oder
die Nachbarn, diese Geschichte ist länger und vielschichtiger. Um so etwas zu verhindern, brauchen wir gründlichere
Analyse, den Mut auch das Unvorstellbare für möglich zu halten (Tiere werden gefüttert, Kinder nicht) und langfristige
Strategien und Ressourcen. Übereilte und kurzfristige Schuldzuweisungen nutzen nur dem schlechten Gewissen, nicht
dem nächsten gefährdeten Kind.
Veronica Klingemann, Erziehungswissenschaftlerin
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