Hotel Mama
Auszug aus der Broschüre:"18 Jahre-jetzt geht´s los"
www.vamv-berlin.de
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Hotel
Mama
Auf
die Idee zu diesem Ratgeber kamen wir durch Beratungen, bei denen
sich verzweifelte Eltern mit der Frage auseinander setzen müssen:
Kann ich mein Kind einfach vor die Tür setzen? Muss ich dann
für
das Kind bezahlen, wenn es sich an das Jobcenter wendet? Diese Fragen
sollten nach der Lektüre der vorangegangenen Seiten geklärt
sein.
Was
mache ich mit meinem Kind, wenn es nicht bereit ist, sich einen Job,
einen Ausbildungsplatz oder irgendeine andere Art von
Beschäftigung
zu suchen? Eine Mutter kam mehrfach wieder und wollte immer wieder
rechtliche Auskünfte, ob sie ihren Sohn wirklich vor die Tür
setzen könnte. Und trotz vieler Informationen ging sie mit einer
großen Unsicherheit, ob sie das denn tun könnte.
Diese
Unsicherheit lässt sich auch mit den besten Rechtsauskünften
nicht vermeiden. Irgendwann werden Sie vor der Situation stehen, Ihr
Kind in eigener Verantwortung leben zu lassen. Natürlich haben
alle Träume, wie dieses aussehen kann: ein geregelter
Schulabschluss, eine Ausbildung, ggf. ein Studium gehören dazu.
Und wenn das alles eingetütet ist, ist es vielleicht immer noch
schwer, aber weniger quälend, sein erwachsenes Kind seine
eigenen Wege suchen und gehen zu lassen.
Und
wenn das nicht alles eingetütet ist?
Da
gibt es abgebrochene Schulkarrieren, Drogenkarrieren, aber manchmal
auch ganz undramatisch Kinder, die nach einem Schulabschluss
erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen (obwohl das in den
nächsten
Jahren leichter wird). Kinder, die sich mit Unsicherheiten und
Ängsten plagen, was sie denn wollen. Die einfach zu Hause
bleiben und in den Tag hinein leben. Oft mit viel gutem Willen: „ja,
ich habe doch schon gemacht“, „ja, ich werde das probieren“,
„nein, das ist richtig, lass uns das mal chillig angehen“ und so
weiter. Und wenn sie das so sagen und sich auch wirklich Mühe
geben und einfach auch noch ein bisschen naiv sind, dann wird es
schwer. Vor allem, wenn Sie selber wissen, wie schwierig es ist, sich
zu behaupten und seinen Platz zu finden. Und wenn dieses Kind einfach
auch so ein wunderbares Kind war oder ist, dann kann es eng werden.
Dann vergehen Tage und Monate und alles schleppt sich dahin. Und ganz
schnell sind Sie wieder oder noch bei alten Mustern, machen Pläne
für Ihr erwachsenes Kind, sammeln Informationen, versuchen
anzuschieben und ernten statt Dankbarkeit vielleicht nur ein
genervtes „weiß ich doch.“ Vielleicht ernten Sie
Dankbarkeit, aber es passiert weiterhin nichts und alles bleibt so
wie es ist.
Für
Sie
beginnt
eigentlich
die
Zeit,
wo
Sie an sich, Ihre eigenen
Wünsche, Planungen denken können und da sitzt immer noch
jemand, um den Sie sich Sorgen machen.
Das
Ganze gibt es natürlich auch in weiteren Varianten: die
Studenten (und tatsächlich sind es mehr Männer als Frauen),
die immer noch zu Hause wohnen, weil es so praktisch ist, die
vielleicht noch ein Auslandssemester einlegen und dann wiederkommen,
die sich freuen, dass zu Hause immer noch alles so ist, wie es war,
und den gefüllten Kühlschrank gerne benutzen. Und
eigentlich ist es doch ganz schön, dass sie immer noch so gerne
zu Hause sind, auch wenn man sie nicht so häufig sieht. Und es
würde ja auch knapp werden, wenn sie nun einen eigenen Haushalt
führten.
Eltern,
und hier insbesondere Mütter, plagen sich mit schlechtem
Gewissen, wenn sie wollen, dass ihr Kind auszieht, und sind wieder in
der Zwickmühle. Sie möchten den Zustand zu Hause nicht mehr
und es ist keine Änderung in Sicht. „Es könnte doch alles
so einfach sein, wenn er/sie nur mal.......“ „Wenn ich ihr nicht
helfe eine Wohnung zu suchen, dann wird das sowieso nichts und ich
will sie doch raus haben. Und da sie doch noch Schulden aus einem
Handyvertrag hat, muss ich doch eine Bürgschaft für die
Wohnung unterschreiben,“ so die taffe Mutter dreier Kinder über
ihre 19-jährige Tochter, die nach einem misslungenen
Schulabschluss jetzt erst mal zu Hause sitzt. „Und liegt es nicht
vielleicht an mir, dass sie jetzt so sind? Was habe ich denn alles
falsch gemacht, dass es bei uns so läuft?“ Und so bleiben sie
Kinder, die ihr Leben nicht in die Hand nehmen können,
während
Eltern sich zwischen Ärger und Schuldgefühlen oft
ohnmächtig fühlen.
Gefragt
in allen diesen Situationen sind Sie als Eltern: wenn Ihr Kind sich
nicht auf den Weg macht, dann ist es Ihr Job
etwas zu tun: die Verantwortung abzugeben, in aller Deutlichkeit. Das
ist nicht mehr Ihr Leben. Nein, nein, auch wenn das einen Absturz,
eine große Unsicherheit, Chaos bedeuten kann.
Der
renommierte Psychiatrieexperte Klaus Dörner schrieb an die
Mutter eines psychisch kranken Sohnes einen damals viel diskutierten
Brief: Darin forderte er sie auf, an ihren Sohn zu glauben, ihm zu
vertrauen und ihm auch zuzutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen
und dieses nicht durch Unterhaltszahlungen und häusliche
Versorgung zu verhindern. Sie möge ihren Sohn finanziell
unterstützen, wenn er einer Ausbildung nachgehe, sich mit seiner
Situation als psychisch Kranker auseinandersetze ..., aber nicht das
untätige Verweilen in einem schwierigen Zustand absichern.
Dieser Brief erregte viel Aufsehen, in demselben Band ist auch der
Antwortbrief einer Mutter abgedruckt, die beschreibt, was dieser
Brief bei ihr auslöste.
Freispruch
der
Familie,
Dörner/Egetmeyer/Koenning
Psychiatrieverlag
1995
S
185f,S.187fff
Sich
um nichts mehr kümmern Kann man das als Mutter, darf man
das?
Die
psychische Erkrankung ist eine noch größere Hürde,
wenn es um Abgrenzung geht, hier ist jemand doch gar nicht in der
Lage, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, ist oft der Tenor.
Und sogar hier die klare Idee, es ist die Verantwortung der Person
selber, es können alle Unterstützungen dieser Welt zur
Verfügung gestellt werden, aber erst dann, wenn die Person
selber sich mit ihrer Situation auseinandersetzt und Lösungen
sucht.
Wie
viel mehr gilt es für die erwachsenen Kinder, die sich damit
beschäftigen müssen, wie sie ihr Leben gestalten wollen.
Wenn dazu die Idee gehört, sich weiter versorgen zu lassen,
abzuwarten und entspannt in den Tag zu leben, dann ist das eine
Entscheidung, aber keine, die ich als Elternteil finanzieren oder
täglich mit ansehen muss.
Wenn
jemand aus Angst vor den Anforderungen von Schule und Arbeitswelt,
aus Angst vor Misserfolgen lieber zu Hause bleibt, kann es eine
große
Unterstützung sein, vor die Wahl gestellt zu werden. Sie
können
Ihrem Kind Folgendes deutlich machen: „Zu Hause ist ein Platz für
Dich, wenn Du Dich mit dem Leben auseinandersetzt. Du kannst Dich von
hier aus auf den Weg machen, mit all Deinen Ängsten und
Unsicherheiten, ich unterstütze Dich, wo es sinnvoll ist. Wenn
Du das nicht möchtest, wenn die Ängste so groß sind,
dass Du dich nicht bewegen kannst, wenn es anderes gibt, was Dich
hindert, Dich zu bewegen, oder wenn Du es auch einfach ganz anders
siehst, dann musst Du vielleicht in einer anderen Umgebung und auf
eigenen Beinen Deine Kräfte und Ressourcen entdecken“.
Kinder
werden nicht stark, wenn wir ihnen die Schwierigkeiten ersparen, sie
werden stark, wenn es ihnen gelingt, Hürden zu überwinden.
Das geht manchmal nur mit Hindernissen, Umwegen, Niederlagen: das
sind Grenzen, die Orientierung geben. Reden, darüber, was sein
sollte, erzeugt einen luftleeren Raum. Ihr Kind muss erleben
können,
was seine Entscheidungen für Konsequenzen haben. Es muss
erleben, wenn ich diese Entscheidung treffe, dann hat das
Konsequenzen und ich kann mir überlegen, ob ich unter diesen
Voraussetzungen eine andere Entscheidung treffe. Das ist wie beim
Wandern, wenn ich rechts herum gehe, komme ich vielleicht nicht zum
Ziel oder ich erwische den mühsameren Weg, wenn ich links herum
gehe, komme ich vielleicht ganz woanders hin, das gibt Orientierung
und lässt Entscheidungsmöglichkeiten zu.
Ich
höre die Fragen, wie sie in Beratungen und Gruppen immer wieder
gestellt werden: „Heißt das dann, ich soll mich einfach nicht
mehr kümmern und er/sie soll ab jetzt alles alleine machen?
Heißt das, ich soll sie/ihn einfach hinausschmeißen?“
Die
Antwort lautet ja ja nein nein ... es gibt keine eindeutige Antwort.
Es
geht um die Trennung von Verantwortung und die Klarheit, wer was
möchte, und immer wieder um Entscheidungen. Und es geht nicht
darum, die liebevolle oder auch schwierige Beziehung zum eigenen Kind
übertrieben hart zu machen. Ihr Kind ist für sein Leben
verantwortlich, sie können dabei unterstützen. Sie
können
auch manchmal anschieben. Aber ein Auto wird auch nur angeschoben,
wenn die Chance besteht, dass es zeitnah anspringt, Sie werden weder
den Berg hoch noch kilometerlang anschieben. Die Frage der Dosierung,
die Frage, wie und wo genau Grenzen gezogen werden müssen, wird
in jeder Familie anders beantwortet.
Der
Job der Eltern ist es, ihre Kinder ernst zu nehmen und ihre
Entscheidung zu akzeptieren. Sie können oder sollten sogar zu
den jeweiligen Entscheidungen Stellung nehmen. Sie können das
gut oder schlecht finden, Alternativen anbieten, entscheiden tut das
Kind. Und wenn diese Entscheidung auf Ihre Kosten geht, dann ist es
Ihre Aufgabe, hier eine Grenze zu ziehen und dies nicht mitzumachen.
Das
heißt konkret, Ihr Kind hat die Schule abgebrochen, hängt
rum, hat keine Perspektive, ist zunehmend unsicher. Wenn es sich
nicht bewegt, dann machen Sie ihm die Konsequenzen klar und ziehen
Sie sie dann auch, dann muss es ausziehen und auf eigenen
Füßen
stehen.
„Aber
sie schafft das doch gar nicht, sich um all den Ämterkram zu
kümmern“ (wieder die taffe Mutter mit der 19-jährigen
Tochter).
Und
schon sind Sie dabei, alles im Vorfeld zu organisieren und zu regeln,
während Ihr Kind gar nicht in Bewegung kommt. Sie können
das tun, ja und es beruhigt Sie und es ist
der Sache nur begrenzt dienlich. Noch schwieriger wird es, wenn Ihr
Kind sagt: „Das kann ich nicht alleine, hilf mir doch.“ Helfen
ist oft nötig, aber vielleicht gibt es einen Punkt, wo es auch
alleine gehen muss. Wie viele Entwicklungsschritte musste Ihr Kind
machen, um als aufrechter Mensch sprechend und lesend durch die Welt
zu gehen? Diese Schritte waren schwieriger und auch die konnte ihm
keiner abnehmen, Sie konnten unterstützen. Wie lange dauert es,
bis aus den ersten Lauten ganze Sätze werden? Ein Bruchteil von
Zeitinvestition ist für die jetzigen Fragen nötig, also
lassen Sie Raum zum Ausprobieren, bevor Sie eingreifen.
Und
wenn Sie das alles lesen und sagen: „Das klingt gut, aber ich kann
nicht, das halte ich nicht aus“, dann halten Sie die Situation im
Hotel Mama vielleicht besser aus, als Konsequenzen zu ziehen. Dann
ist es gut, regelmäßig zu überprüfen, ob das
immer noch so ist und vielleicht die Vorwürfe dem erwachsenen
Kind gegenüber in Grenzen zu halten, schließlich haben Sie
da ein Problem. Und wenn es Ihnen dann wirklich stinkt, dann kann es
hilfreich sein sich Unterstützung zu suchen, eine
Beratungsstelle aufzusuchen, mit Freunden zu reden usw.
Und
noch eines: Je enger die Bindung zu Ihrem Kind war, desto schwieriger
kann es sein, sich abzugrenzen. Etwas eng Zusammengewachsenes zu
trennen, kann mehr Mühe erfordern und geht nicht immer ohne
leichte Beschädigungen, das ist fast unvermeidlich.
Und
für Sie ist es an der Zeit, sich von einer Form des
Elterndaseins zu verabschieden und die Elternrolle für ein
erwachsenes Kind zu gestalten und zu entdecken.
Und
für alle die sagen: „Ja, aber bei uns ist das alles kein
Problem, ich lass mir doch nicht erzählen, ich müsste mein
Kind vor die Tür setzen und überhaupt: Soll ich ein
schlechtes Gewissen haben, weil ich immer noch die Wäsche
wasche?“
Autonomie
macht
sich
nicht
am
Wäsche
waschen
oder der Frage nach der Dosis
der Fürsorge und Versorgung fest.
In
der Einleitung steht es ganz deutlich: Es gibt unendlich viele
Formen, wie Familien sich organisieren und ihre Beziehungen und
Unterstützungssysteme gestalten, da wo die Autonomie der
Einzelnen auf der Strecke bleibt, wo es nicht gelingt, den
Übergang
ins erwachsene Dasein halbwegs befriedigend zu gestalten, kann es
notwendig sein, schärfere Schritte zu gehen. Dieser Prozess
sollte in diesem Artikel näher beleuchtet werden. Wir wollen zu
Entscheidung und Abgrenzung ermutigen, um eine Balance zwischen
Ärger, Verzweiflung und Ohnmacht auf der einen Seite und Liebe,
Mitgefühl und Unterstützung auf der anderen Seite zu
finden. Und niemand sagt, dass das leicht sei.
Veronica
Klingemann
Aus
der Broschüre „18 Jahre-jetzt geht’s los“
Ratgeber
für
Alleinerziehende
und
ihre
volljährigen
Kinder
zu bestellen beim
Verband
Alleinerziehender Mütter und Väter. Landesverband Berlin
Seelingstr.13
14059
Berlin
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8515120
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oder dem Landesverband
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